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Abschiebeknast Bützow

Im Hochsicherheitstrakt von Bützow-Dreibergen werden derzeit fast alle Flüchtlinge aus MV, die in Abschiebehaft genommen werden, inhaftiert. Während der Naziherrschaft wurden hier politische Gegner und Zwangsarbeiter eingesperrt, mißhandelt und umgebracht. Zu DDR-Zeiten diente es ferner zeitweilig als Internierungslager.
Im folgenden ist ein Presseartikel aus dem Jahr 2003 zur Situation von in der JVA Bützow inhaftierten Flüchtlingen dokumentiert:
"Warum bin ich hier im Gefängnis?" - In der JVA Bützow warten derzeit 20 Ausländer auf ihre Abschiebung
Bützow - "Abschiebungen sind brutal und rassistisch.

So jedenfalls lautet der Tenor der zahlreichen Initiativgruppen, die sich in Mecklenburg-Vorpommern und bundesweit gegen die so genannte "Abschiebehaft" einsetzen. Die Bützower Justizvollzugsanstalt (JVA) ist landesweit die einzige, in der Menschen untergebracht sind, denen in Kürze eine Abschiebung in ihre Heimat oder ein anderes Land droht. 161 waren es allein im vergangenen Jahr. "Hinter jeder Akte steht ein persönliches Schicksal, das darf man nie vergessen", meint Harald Vorbeck, der als Vollzugsbeamter täglich mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu tun hat. "Abschiebehaft ist ein höchst sensibler Bereich", fügt er hinzu. Denn hier sitzen nicht Schwerverbrecher, Mörder, Diebe, Betrüger oder Vergewaltiger, sondern Menschen, die sich ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland aufgehalten haben. Sie sitzen in Vier-Mann-Zellen, mit Gittern vor den Fenstern. Knast-Alltag. Zugeständnis für Moslems: Anderes Essen während des Fastenmonats Ramadan. Araber, Iraker, Ägypter, Algerier, Männer aus Pakistan, der Mongolei, aus Russland, der Ukraine, Armenien und der Türkei - 20 so genannte "Abschiebehäftlinge" sind es momentan, die darauf warten, aus dem Gefängnis abgeholt und zum Flughafen gebracht zu werden. Auf dem Weg in eine oft ungewisse Zukunft. Unterwegs in ein Land, das allerdings zumindest laut Personalausweis ihre Heimat ist. Die Heimat eines dieser Abschiebehäftlinge in der JVA in Bützow befindet sich gerade im Krieg. Der junge Mann kommt aus dem Irak, genauer aus Bagdad. In seiner kleinen Zelle, die er sich mit anderen teilt, kann er nun im Fernsehen beobachten, wie amerikanische Streitkräfte die Stadt bombardieren, in der er aufgewachsen und 13 Jahre zur Schule gegangen ist. "Ich sitze hier im Gefängnis und kann meine Mutter in Bagdad nicht anrufen. Das ist das Schlimmste. Ich weiß nicht, wie es meinen Eltern geht." Vor zwei Jahren ist er aus "politischen Gründen", wie er sagt, über Italien nach Deutschland geflohen. Seine Flucht als Jugendlicher kann er in beinahe fließendem Deutsch erzählen. Seine Sprachbegabung und der Wunsch, hierzulande schnell Fuß zu fassen, ermöglichten ihm, für das Sozialamt in Neubrandenburg als Dolmetscher zu arbeiten. Nun sitzt der 21-jährige höfliche, aufgeweckte junge Mann im Gefängnis, bekommt Besuch von ehemaligen Kollegen, wartet auf seine Abschiebung. Er wird allerdings nicht in den Irak - "das ist momentan unmöglich" -, sondern nach Italien ausgewiesen. Dabei war Italien nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Deutschland. "Ich verstehe es nicht, denn ich habe nicht in Italien, sondern Deutschland meinen Asylantrag gestellt", meint er ratlos. Rückreise in die Heimat - Zukunft ungewiss Wie geht es weiter? "Ich weiß es nicht. Ich kenne in Italien niemanden. Mein Leben ist hier in Deutschland. Ich möchte wiederkommen", sagt er leise. Eine Frist bleibt ihm: Für Iraker hat Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) vor wenigen Tagen einen Abschiebe-Stopp verkündet. Menschen und Schicksale wie das des Irakers hat Harald Vorbeck viele getroffen, in den Jahren, in denen er in der Abschiebehaft tätig ist. "Die Kommunikation, die Sprachbarriere ist oft das Schwierigste in meinem Bereich", erzählt der Justizbeamte. Gestik und Mimik seien der Schlüssel zum erfolgreichen Miteinander, weiß er. "Mit einem Lächeln haben sie schon halb gewonnen", so seine Erfahrung. Denn das ist international verständlich. In der Abschiebehaft, die im Wesentlichen genau wie andere Bereiche des Gefängnisses organisiert ist, tauchen oftmals weitere Probleme auf. Zahlreiche Mentalitäten, Religionen, Weltansichten prallen aufeinander. "Wenn ich in eine Zelle komme, und es wird gerade gebetet, mache ich die Tür wieder leise zu", so Vorbeck. Das, worunter die Häftlinge scheinbar leiden, ist nicht die Behandlung im Gefängnis an sich - "die sind hier alle sehr nett", so der Iraker -, sondern die Tatsache, dass sie überhaupt hinter Gittern sitzen. "Ich habe doch nichts verbrochen. Warum bin ich also im Gefängnis?", fragt ein 19-jähriger Türke. Er war 1999 mit einem Vier-Wochen-Visum nach Deutschland eingereist, um seinen Bruder zu besuchen. Es gefiel ihm gut, er blieb länger als erlaubt, tauchte unter, wurde ertappt. "Ich wollte schon als Kind Deutschland kennen lernen. Warum darf ich nicht?" Seine Zukunft ist ungewiss. Heute wird er in die Türkei abgeschoben. Was ihn dort erwartet? "Ich weiß nicht. Wahrscheinlich die türkische Armee", erzählt er in gebrochenem Deutsch. Verstohlen wischt er sich eine Träne aus den Augenwinkeln. "Meine Eltern haben immer gesagt: ,Komm zurück in die Türkei.' Aber ich wollte nicht. Meine Freundin wohnt in Güstrow." War es vielleicht leichtsinnig und dumm, unterzutauchen und illegal zu bleiben? Schulterzucken, Kopfnicken - aber: "Ich will doch einfach nur in Deutschland leben."

Susanne Holz
Der Artikel erschien am 25.03.2003 in der Schweriner Volkszeitung.