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Ein Maifoto in der FAZ

Am 28. Mai 2006 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Artikel „Wie stark sind die Rechtsradikalen – Die fremdenfeindliche Gewalt nimmt nicht zu – doch „Faschos“ und „Autonome“ schlagen immer heftiger aufeinander ein".

Zu dem Bericht wurde ein Foto mit der Bildunterschrift „Gewaltbereitschaft nimmt zu - Neonazis demonstrieren in Rostock unter Führung der NPD“ veröffentlicht, das am 1.Mai diesen Jahres aufgenommen wurde. Nur die dargestellten Personen auf dem Bild sind eben nicht Neonazis. Zu dem Artikel und der Fotografie folgt untenstehend ein Leserbrief der Antirassistischen Initiative Rostock, der am 02. Juli in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Auszügen veröffentlicht wurde. (Eine Gegendarstellung wurde abgelehnt.)

Das Foto:

Der Brief:

Die Antirassistische Initiative Rostock und das Sozialforum Westmecklenburg fordern hiermit von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Richtigstellung der Bildunterschrift, die im Zusammenhang mit o.g. Artikel in Ihrer Zeitung veröffentlicht wurde. Die Bildunterschrift lautete: „Gewaltbereitschaft nimmt zu: Neonazis demonstrieren in Rostock unter der Führung der NPD“. Die auf dem Bild dargestellten Personen sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer der antifaschistischen 1. Mai- Demonstration und nicht, wie die Bildbeschreibung unterstellt, Neonazis, die am gleichen Tag durch die Hansestadt Rostock marschierten.

Die Aufnahme erfolgte in der Zeit, als die NPD-Demonstration die von der Polizei eingekesselten Gegendemonstranten passierte. Unter ihnen befanden sich bei weitem nicht nur die in dem Artikel als „gewaltbereite Linksextremisten“ beschriebenen Antifaschisten, sondern viele BürgerInnen aus Rostock und Mecklenburg-Vorpommern, die auf gewaltfreie Weise gegen den Aufmarsch der NPD und den mit ihr verbündeten Neonazis demonstrierten.

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Bezugnahme auf den Artikel:

In dem Artikel werden die Formen der politischen Auseinandersetzung von sogenannten „Linksautonomen“ bzw. Antifaschisten mit denen von Neonazis gleichgesetzt, indem Gewalttaten von beiden Seiten aneinandergereiht und mit verallgemeinernden Bildern versehen werden. Die politischen Hintergründe werden auf undifferenzierte Weise dargestellt. Der Artikel bedient sich der Gleichmacherei, präsentiert Informationen auf polemische und reißerische Weise. So bleibt es vermutlich das Geheimnis von Herrn Wehner, wie er bei der beschriebenen Demonstration in Berlin sehen konnte, dass keiner von hunderten Demonstranten aus dem „tobenden Schwarzen Block“ einen Blick für die winkenden vietnamesischen Kinder hatte.

Die Folge dieses Journalismus sind Leserbriefe, wie der am 04. Juni 2006 in der FAZ veröffentlichte (H. Benzler, Hamburg), in dem von „gewalttätigen Antifas“ gesprochen wird, die auf dem Foto zu besagtem Bericht zu sehen waren. Diese pauschale Beschreibung diskreditiert in unverantwortlicher Weise den dort festgehaltenen Tatbestand und die auf diesem Foto abgebildeten Personen..

Dass seit der Wende in Deutschland ca. 150 Menschen durch Neonazis ermordet wurden, fast täglich Menschen aufgrund ihres Aussehens bzw. ihrer politischen Orientierung angegriffen werden, findet in dem Bericht von Herrn Wehner keine Erwähnung.

Es ist unerträglich vor diesem Hintergrund lesen zu müssen, dass die „fremdenfeindliche“ Gewalt in Deutschland nicht mehr zunähme. Zumindest wäre es angebracht neben den Statistiken der Strafverfolgungsbehörden auch die Berichte und Chroniken der Opferverbände

als Quellen zu nutzen. Zu nennen wären da bspw. die Verbände Opferperspektive e.V. (Berlin, Brandenburg), AMAL Sachsen und LOBBI e.V. (Mecklenburg-Vorpommern), die in keinster Weise einen Rückgang rassistischer Gewalttaten verzeichnen konnten.

Auf der anderen Seite sollten Sie berücksichtigen, dass nicht die nur von ihnen beschriebenen „Antifaschisten“ gegen die menschenverachtende und demokratiefeindliche „Politik“ von NPD und Neonazis aktiv werden, sondern auch breite Teile der Zivilgesellschaft, zu denen auf das Entschiedenste auch einer der Mitunterzeichneten gehört, der sich mit allem Nachdruck auch hier für eine gewaltfreie Auseinandersetzung stark macht.

Flüchtlinge und Immigranten als potentiell Betroffene neofaschistischer Gewalt akzeptieren ebenfalls nicht, dass faschistische Gewalttäter, unterstützt durch konservative Medien und teilweiser Ignoranz staatlicher Behörden, als gleichberechtigte Mitglieder einer menschenrechtlich fundierten Gesellschaft dargestellt werden. Denn hinter ihren Zielen, dem Kampf um die Köpfe, die Strasse und die Parlamente, steht nach wie vor eine nationalsozialistische Ideologie.

Mit freundlichen Grüßen

Heiko Lietz (Bürgerrechtler und Koordinator des Sozialforum Westmecklenburg) i. A. Maja Aslandag (Sprecherin der Antirassistischen Initiative Rostock [A.I.R.])