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18.07.06 - Nieparser sind geschockt

Ostseezeitung-Grimmen

Der Überfall auf zwei junge Iraker sorgt für Fassungslosigkeit in einem Dorf, das in puncto Präventionsarbeit als vorbildlich gilt.

Niepars. "Es war so friedlich, so harmonisch, so lustig. Ich konnte mich gar nicht wieder einkriegen, so schön war das." Als Hubert Kaufhold kurz nach Mitternacht das Nieparser Feuerwehrfest verließ, war für den Bürgermeister die Welt noch in Ordnung. Erst am frühen Sonntagnachmittag kam für ihn das böse Erwachen. "Ich habe es im Auto gehört, über Deutschlandradio", so Kaufhold, der zuvor mit den Kameraden, darunter 30 Gästen aus dem polnischen Zaleszany, in Flemendorf Gottesdienst gefeiert hatte. Die Nachricht vom Überfall auf zwei junge Iraker hat die Nieparser kalt erwischt. Gerade weil das Fest so ein Riesen-Erfolg war, fast 2000 Gäste eine traumhafte Sommernacht genossen. Doch während die meisten unbeschwert schwoften, zogen dunkle Wolken auf. Schon vorher, so Wehrleiter Gregor Wedig, war einem Kameraden eine "rechts" erscheinende Gruppe aufgefallen, die andere Jugendliche "anstänkerte". Ob es die gleichen waren, die gegen 1.30 Uhr die Iraker erst anpöbelten und später im Treppenhaus des nahe gelegenen Wohnblocks an der Friedensstraße zusammenschlugen, ist unklar. Da die Auseinandersetzung sich anscheinend schnell vom Fest weg verlagerte, erfuhren die meisten Gäste erst einen Tag später davon. Da tönte die Nachricht schon aus dem Radio. Auch Wehrleiter Wedig ging es so. "Nicht zu fassen, wir sind entsetzt. 2.30 Uhr war offiziell Schluss, dann haben wir aufgeräumt. Ich habŽ auch mit den Leuten vom Sicherheitsdienst gesprochen. Da war die Nachricht: Alles bestens, es gab nichts Schlimmes." Um so gedrückter ist nun die Stimmung bei den Blauröcken. "Das wirft ein schlechtes Licht auf uns", bringen es Marita Zuhr und Ulli Paul auf den Punkt. "Wir sind traurig, dass so ein Vorfall am Rande unseres schönen Festes passiert ist." Im genannten Wohnblock sind gestern die Spuren der Gewalt immer noch zu sehen - Splitter der eingeschlagenen Tür, eine abgerissene Gardine. Der 25-jährige Iraker, dem das Nasenbein gebrochen wurde, ist nicht zu Hause. Er ist mit einem Freund zum Arzt nach Stralsund gefahren, später geht es zum Dönerstand, wo der Mann sein Geld verdient. Über die Motive der Tat ist noch nicht viel bekannt. "Wir gehen von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus", so Uwe Werner von der Polizeidirektion Stralsund. Doch wer alles zu der 15-köpfigen Schlägergruppe gehörte, ist unklar. Eindeutig identifiziert werden konnte nach Hinweisen der Opfer bisher nur der 19-jährige vermeintliche Rädelsführer. Selbst der ist laut Uwe Werner zuvor nicht einschlägig straffällig geworden. Allerdings war er mit 1,5 Promille schwer alkoholisiert. Dass der junge Mann zwar aus Niepars stammt, nun aber im niedersächsischen Oldenburg lebt, kann den Nieparser Verwaltungschef Peter Forchhammer nicht beruhigen. "Das hilft uns doch nicht weiter. Der Vorfall ist sehr peinlich für Niepars." Was Forchhammer ratlos macht: Kaum in einem Ort wurde nach der Wende so viel für Prävention getan wie in Niepars - angefangen vom Amtsjugendpfleger über den Jugendarbeiter der Gemeinde und das gut ausgestattete Haus des Storchennest-Vereins im Dorf bis hin zu dem seit zehn Jahren aktiven Präventionsrat. So sieht es auch Jugendarbeiterin Tordis Brandt vom Storchennest. "Wir können noch so viel tun, alle kriegt man nicht bekehrt." Eine rechte Hochburg sei Niepars jedenfalls nicht, gegenüber früher, als es noch der Szene zuzurechnende Cliquen gab, habe sich die Lage sogar weiter beruhigt. Bürgermeister Hubert Kaufhold und Peter Forchhammer wollen die Sache nicht auf sich beruhen lassen, sich persönlich im Namen der Nieparser bei dem Iraker entschuldigen.

C. HOHLFELD und I. ENGELBRECHT