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Die NPD und das Pogrom von Lichtenhagen

Rostock, am 08.08.2011

„Die NPD und Lichtenhagen - Geschichtsverdrehung leicht gemacht?“

Am 03. August 2011 fand eine NPD-Kundgebung in Rostock-Lichtenhagen statt. Nichts Besonderes eigentlich in den jetzigen Wahlkampfzeiten, in der die noch nicht verbotene NPD durch möglichst starke Präsenz versucht, ein drohendes Scheitern an der 5-Prozent-Hürde bei der Landtagswahl in M-V am 04. September 2011 abzuwenden.
Dass die NPD diese Kundgebung aber direkt vor dem Sonnenblumenhaus abhalten konnte, ist schlichtweg unerträglich! An dieser Stelle kam es im August 1992 über mehrere Tage zu den pogromartigen rassistischen Ausschreitungen gegen die damalige Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende (ZASt) und das Wohnheim vietnamesischer Bürger/innen. Mehr als 100 Menschen konnten damals nur knapp dem Tod in den Flammen entgehen, Polizei und Politik waren überfordert oder blieben untätig. In wenigen Tagen jähren sich diese Ereignisse, die international Aufsehen erregten, zum 19. Mal.

Wir kritisieren, dass die Öffentlichkeit über die NPD-Veranstaltung nicht informiert wurde, so dass Neonazis dort unwidersprochen und ungestört ihr verfälschendes und hetzerisches Bild zu den damaligen Ereignissen propagieren und die damaligen Opfer und Betroffenen erneut verhöhnen konnten. Auch wenn es vielleicht das Ziel der Stadt bzw. des Ordnungsamtes war, diese Veranstaltung nicht bekannt werden zu lassen, um der NPD damit kein Podium an diesem zeithistorisch-sensiblen Ort zu bieten, so wurde damit ein angemessener Protest von Rostocker Bürger/innen unterbunden. Dies ist ein Skandal für die Stadt Rostock.
Im Rahmen der NPD-Wahlkampfveranstaltung entstand zudem ein perfides Wahlkampfvideo, in dem die Ereignisse von 1992 umgelogen werden – das Video wird mittlerweile im Internet verbreitet.
Neben dem NPD-Chef Voigt sprachen auf dieser Versammlung die Landtagsmitglieder Pastörs und Andrejewski. Letzterer wird in dem Video als Zeitzeuge dargestellt. Unterschlagen wird, dass genau dieser Mann maßgeblich für die Flugblätter verantwortlich war, die unter dem Titel „Widerstand gegen die Ausländerflut“ vor den Pogromen 1992 in einer hundertausendfachen Auflage verteilt wurden. Ziel war es die Stimmung unter der Bevölkerung zugunsten der Neonazis aufzuheizen. Dieser geistige Brandstifter behauptet nun in dem NPD-Video vor dem Sonnenblumenhaus, dass wir uns kurz vor „bürgerkriegsähnlichen Unruhen“ befänden. „Wir werden Lichtenhagen in großer Dimension noch erleben dürfen“, halluziniert Andrejewski, der die Schuld für die rechten Pogrome vor 19 Jahren und für zukünftige Gewalt bei angeblich „kriminellen Ausländern“ und der etablierten Politik sucht. Er verunglimpft damit nicht nur ganze Personengruppen, sondern ruft auch zu Rassismus, Hass und Menschenfeindlichkeit auf. Die NPD zeigt mit solcher Propaganda bis heute keinerlei Distanz zur damaligen rassistischen Gewalt und betätigt sich auch heute als Lunte im wahnhaft vorgestellten „Pulverfass Deutschland“. Vermutlich um eine bestimmte Pogromstimmung in der Bevölkerung erneut anzuheizen. Darin ist insbesondere der "Zeitzeuge" Andrejewski geübt.
Die Hansestadt Rostock tut sich bis heute schwer, einen souveränen Umgang mit dem Lichtenhagen-Pogrom zu finden. So gibt es bis heute keinen Ort der Erinnerung an die damaligen Ereignisse, noch nicht einmal eine Gedenktafel ist am Sonnenblumenhaus zu finden. Die Ausschreitungen von Lichtenhagen sind aber keine bloße Geschichte, sie stehen stellvertretend für die täglichen rassistischen Übergriffe und die strukturelle Diskriminierung von Migrant/innen und Flüchtlingen in Deutschland.
Es erscheint uns nicht nachvollziehbar, warum die Hansestadt einen solchen geschichtsträchtigen Ort der Instrumentalisierung durch Neonazis überlässt. So liegt es nun in der Verantwortung der demokratischen Zivilgesellschaft, dass in den Medien und der Öffentlichkeit kritisch und offensiv mit derartiger Nazipropaganda umgegangen und diese widerlegt wird. Eine derart unerträgliche Täter-Opfer-Verdrehung darf nicht unwidersprochen hingenommen werden!