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26.09.2012 - Nachbetrachtung zu 20 Jahre Lichtenhagen

Pressemitteilung zur Podiumsdiskussion "Ein Rückblick auf 20 Jahre Lichtenhagen"


Am 20. September wurde von Soziale Bildung e.V.  und der Antirassistischen Initiative Rostock eine  Podiumsdiskussion organisiert, um die Aktionen und Veranstaltungen rund um den vergangenen 20. Jahrestag des Pogroms von Lichtenhagen auszuwerten. Im Podium trafen sich Vertreter/innen verschiedener Organisationen und Bündnisse, die sich an den unterschiedlichen Aktionsformen im Rahmen der Gedenktage engagiert haben. VertreterInnen von LOBBI e.V., des VVN-BdA Rostock, von Bunt statt Braun e.V., der Antirassistischen Initiative Rostock, des Bündnisses „Das Problem heißt Rassismus“ und ein Mitautor der Uni-Broschüre „20 Jahre Lichtenhagen“ diskutierten auch Ideen und Möglichkeiten einer geeigneten Gedenkkultur in Rostock, wie sie in Zukunft etabliert werden sollte.
Die 70 bis 80 DiskussionsteilnehmerInnen ließen in ihrer Rückschau neben vielen kritischen Einschätzungen auch die positiven Momente nicht aus: Einerseits wurden viele Aktionen und Veranstaltungen, wie z.B. die thematische Filmwoche, die von Bunt statt Braun e.V und dem Lichtspieltheater Wundervoll organisiert wurde, sowie die Verteilung von 10.000 DVD´s des Films „The truth lies in Rostock“ an Rostocker Haushalte, initiiert von der Zeitschrift „Stadtgespräche“, als durchweg positiv und dem Anlass angemessen bewertet.
Als besonders positiv wurde das Anbringen einer Gedenktafel am Rathaus hervorgehoben: 20 Jahre nachdem eine jüdische Jugendgruppe aus Frankreich vergeblich versucht hat, diese Tafel anzubringen, zeigt die Stadt heute die Bereitschaft, diese zu akzeptieren – ein großer Sprung, der das Potential in der Kommune deutlich macht, sich der Verantwortung zu stellen. Das neu wahrnehmbare Umdenken in der Stadt ist auch auf das Wirken von außerparlamentarischen politischen AktivistInnen, Initiativen und Bündnisse zurück zu führen, die seit langem und ganz massiv in diesem Jahr für ein angemessenes Gedenken an das Pogrom von 1992 und für eine kritische Auseinandersetzung in der Stadt eingetreten sind. Dass noch mehr kritische Reflexion seitens der Stadt erwartet werden müsse, da waren sich die meisten Teilnehmenden des Podiums einig.
Anderseits kritisierten aber auch einige Podiumsgäste, dass sich die Rostocker Verwaltung zu sehr parteiisch und regressiv gegenüber AktivistInnen verhalten habe, bspw. indem die Großdemonstration am Samstag, dem 26.08., im Vorfeld kriminalisiert wurde. Auch Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion zu „Migration und Integration in MV“ wurde dafür kritisiert,  dass Themen wie Rechtsextremismus und Rassismus nur im Hintergrund standen. „Auch 20 Jahre nach dem Lichtenhagen-Pogrom wurde versäumt zu diskutieren, wie man weiter mit Rassismus umgeht. Und auch der Wunsch, die Erstaufnahmeeinrichtung und Landesgemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Horst abzuschaffen und Flüchtlinge dezentral in größeren Städten unterzubringen, wurde nicht berücksichtigt. Vor dem Hintergrund, dass dieses Lager in Folge der rassistischen Hetze 1992 in die Peripherie umverlegt wurde und sich seitdem an diesem Status Quo nicht verändert hat, eine Farce und politisch kurzsichtig“, so Chris Neumann von der Antirassistischen Initiative Rostock.
Auch die Kommunikation zwischen den Initiativen, die sich regional und überregional an den Vorbereitungen beteiligten, wurde offen thematisiert – einige PodiumsteilnehmerInnen kritisierten aus verschiedenen Blickwinkeln die gegenseitigen Unterstellungen, mit denen nicht nur in den Medien gearbeitet wurde, sondern die auch eine Zusammenarbeit teilweise verunmöglichten.
Aus unserer Sicht werden solche Kooperationen zusätzlich erschwert, wenn sich Aktionen in Symbolpolitik verfangen, wie das am Beispiel der (gefällten) Eiche leider passiert ist. Das eigentliche Anliegen zum Gedenken trat damit in den Hintergrund.
Als eine große „Baustelle“ für die kommenden Jahre wurde nicht nur aus dem Podium, sondern auch vom Publikum die politische Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen angesprochen, die nicht nur stärker an Schulen und außerschulischen Einrichtungen etabliert werden müsse, sondern auch stärker finanziell gefördert werden müsse. Bereits heute, so schildern Gäste aus dem Publikum, haben Jugendliche kaum Wissen über die damaligen Ereignisse und können dementsprechend kaum die Vorstellung einer gesellschaftlichen und politischen Verantwortung entwickeln, damit sich solche rassistischen Pogrome weder in Rostock noch anderswo wiederholen.
Rassismus und Menschenfeindlichkeit entschieden entgegen zu treten, sollte zum Selbstverständnis aller Menschen, auch in der Verwaltung gehören, und sich auch im Alltagshandeln widerspiegeln. Auf der Veranstaltung wurde deutlich, dass hierzu eine engere Zusammenarbeit möglichst vieler,  unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher Initiativen und demokratischer Richtungen notwendig ist. Als ein aktuelles Beispiel, sich gegen Alltagsrassismus und Mobilisierung aus der extremen Rechten zu engagieren, wurden mehrfach die Ereignisse um die Flüchtlingsunterkunft im vorpommerschen Wolgast genannt.
Die Schaffung eines angemessenen Gedenkortes und -konzeptes zum Lichtenhagen-Pogrom wurde von allen Anwesenden als erster Schritt der Hansestadt begrüßt, in Zusammenarbeit mit Vereinen und Initiativen zukünftig den Lichtenhagen-Pogromen zu gedenken und darüber zu informieren. Als mögliche Form wurde die Einrichtung eines dauerhaften Ausstellungsortes vorgeschlagen, der sowohl dem Gedenken als auch der aktiven Auseinandersetzung mit Rassismus im Rahmen politischer Bildung dienen kann.
Als weiteres Zeichen wurde die zügige Umbenennung des Neu-Dierkower-Wegs in Mehmet-Turgut-Weg gefordert. Wenn solche Forderungen und Wünsche umgesetzt werden und Rostock sich stärker nach außen öffnen würde, kann die Hansestadt mit der Etablierung einer Gedenkkultur eine Vorreiterrolle in der offensiven Auseinandersetzung mit Rassismus einnehmen. Dann werden Medienberichte, die einen ambivalenten Umgang mit der Geschichte in der Hansestadt kritisieren und Schlagzeilen wie „Rostock trifft nur schwer den richtigen Ton“ (Die Zeit, 26.8.2012) eher der Vergangenheit angehören können.

Rostock am 26.09.2012